Deutsche Küche

„Wie von Oma…“: Schlesisches Himmelreich / Silesian heaven

In den Fragen zur Nominierung für den „Liebster award“ durch Ninschi ging es auch um eine Leibspeise – ich konnte mich schwer festlegen, entschied mich dann aber für etwas aus der Kindheit: Schlesisches Himmelreich. Hier mein Bericht darüber, wie in den Antworten versprochen! ♦ In her questions on my nomination for the „Liebster award“, Ninschi also asked for a most favorite dish. It was hard for me to answer, for I like so many things, but finally I decided for a dish from my childhood, which is connected to a lot of nice memories: Silesian heaven. Here’s now my report on it, as promised in my answers!(click here for english version!)

Schlesisches Himmelreich

Über Ostpreußen, Schlesien und Bergleute im Pott

Eine vielleicht etwas seltsam erscheinende Wahl, deftig und altbacken, so gar nicht wie zum Beispiel die vielen Asiatischen Gerichte, die ich hier ja oft vorstelle. Aber eben eine Kindheitserinnerung und ein kleiner Bote aus einer vermeintlich „besseren Zeit“, die man als Kind erleben durfte. Wir verbinden eben mit unseren Kindheitserinnerungen das Gefühl der unbeschwerten Sorglosigkeit und Verantwortungsfreiheit… wenn wir eine gute Kindheit hatten. Ich zum Glück darf das sagen, als Erwachsener einmal gefragt wie denn meine Kindheit so war, antwortete ich „wie süßer grüner Wackelpudding mit ordentlich Schlagsahne obendrauf“.

Mein Bezug zum Gericht „Schlesisches Himmelreich“ hängt mit der Herkunft meiner Großeltern zusammen. Auf mütterlicher Seite war da Schlesien mit drin, auf väterlicher Seite Ostpreußen. Alle meine Großeltern wurden noch zur Zeit des Kaiserreichs geboren, die väterlicherseits deutlich vor 1900. In beiden Regionen gab es viele solche schlichten aber guten Spezialitäten, die Küche in der Zeit meiner Großeltern war einfach und robust, aber sättigend und wohlschmeckend. Wir reden hier vom ausgehenden 19ten Jahrhundert und der Zeit vor 1914, kurz vor dem Beginn des ersten Weltkriegs.

Zwölf Jahre zuvor war mein Großvater Herrmann aus Ostpreußen in das Ruhrgebiet gekommen, dort gab es Arbeit – im Kohlebergbau. Ein Jahr später holte er seine Verlobte Charlotte nach, sie heirateten 1903 in Ortelsburg und lebten dann in Gelsenkirchen. Ganz nett: Beide hießen mit Familiennamen von Geburt her „Pokorra“, waren aber in keiner Weise verwandt. Die Mutter meines Großvaters war Dienstmagd auf dem Hof des Vaters meiner Großmutter, und hatte nie geheiratet. Trotz dieses kleinen Herkunftsmakels von Hermann wurde ihnen die Ehe von Urgroßvater Adam Pokorra erlaubt. Für damals, fast schon Roman bzw. heutzutage Soap-Opera verdächtig.

GrosselternAdeleGuenter1947

Ganz ähnlich ging es Opa Willi, der ebenfalls in das Ruhrgebiet kam um Arbeit zu finden. Im Schmelztiegel Ruhrpott trafen sich viele Landsmannschaften und es entstand ein ganz eigener Menschenschlag, in den sowohl Preußische Tugenden als auch Westfälischer Starrsinn, aber auch viel Warmherzigkeit und tiefe Kameradschaft unter Bergleuten, mit einflossen. Beide Großväter und auch mein Vater verbrachten ihr gesamtes, jeweils 45-jähriges Arbeitsleben unter Tage. Glückauf!

schlaegeleisen


 

Das „Schlesische Himmelreich“ – kräftig und süß, deftig und lecker

Es ist eigentlich ein klassisches Wintergericht, weil es eben auch ein Vorrats-Gericht ist. Alle Zutaten sind lagerfähig, und vor allem untern den damaligen Bedingungen den Winter über gut zu lagern. Von Kühlschränken oder sogar Tiefkühltruhen konnte ja keine Rede sein. Kartoffeln lassen sich in der „Kartoffelmiete“ lagern, Mehl wurde dicht verpackt in Blechdosen gegen Schädlinge geschützt in der Speisekammer gelagert, Backobst wurde getrocknet und konnte dann, manchmal an Schnüren aufgereiht, gut aufbewahrt werden. Der Speck aus Hausschlachtung war kräftig geräuchert und somit gut konserviert.

Kartoffelmiete

Für dieses Gericht benötigt man (und kann heute ganz bequem ins Regal des Supermarktes greifen, im Gegensatz zum Anbau im eigenen großen Garten hinter dem Zechensiedlungsreihenhaus, mit kleiner Schweinestallung, 4 oder 5 Hühnern und ein paar Obstbäumchen…):

  • Geräucherten Bauchspeck
  • Kartoffeln, mehlig kochend
  • Backobst (Pflaumen, Apfel und Birne sind klassisch, Aprikosen dagegen heutiger zeitgenössischer Luxus)
  • Etwas weißes Mehl (Typ 550)
  • Ein Ei
  • Etwa 50 Gramm Butter

Schlesisches Himmelreich Zutaten

Zunächst werden die Kartoffeln vorgekocht. Gepellt und ausgekühlt werden diese dann mit der Kartoffelpresse verarbeitet, um einen schön lockeren Kloß-Teig herzustellen. Hinzu kommen noch das Ei und etwa ein gehäufter Esslöffel Mehl auf diese Menge Kartoffeln, um eine gute Bindung zu erzeugen. Andere Regionen kochen ihre Klöße anders, aber im Wesentlichen geht es um einen Kartoffelkloß – nur rohe Klöße oder auch „halb und halb“ passen nicht ganz so gut zu diesem Gericht.

Kartoffel Kloesse Mosaic1

Aus dem Teig werden schön gleichmäßige Klöße geformt, die im ca. 90° heißen Wasser nur noch garziehen müssen. Wenn sie fertig sind, schwimmen sie zur Oberfläche auf. Ausreichend viel Wasser in den Topf geben, damit die Klöße frei schwimmen können. Ich bin sehr stolz, dass ich sie so locker und flockig hinbekommen habe wie Oma Frieda das konnte.

Kartoffelkloß

Das Backobst oder Trockenobst wird zusammen mit dem in Scheiben geschnittenen Bauchspeck (mit Schwarte) in Wasser gelegt. Das ganze wird gekocht, etwa 20 bis 30 Minuten, bis Speck und Obst schön weich sind und das Wasser Fett und Salz aus dem Speck und Süße aus den Früchten angenommen hat. Der Speck wird aus dem Topf genommen, und die Obst-Brühe mit heller Mehlschwitze aus der ausgelassenen Butter und etwa 2 Esslöffeln Mehl abgebunden. Das ergibt eine süßlich-salzige Sauce.

SchlHimmelMosaic2Schlesisches Himmelreich Topf

Serviert wird Speck und Obst mit reichlich Sauce zu den Klößen. Ich habe es wirklich so sehr genossen, nach viel zu langer Zeit einmal wieder. Und ich werde nicht wieder Jahrzehnte warten, um dieses Gericht erneut zuzubereiten 😉

Silesian Heaven

Seid mutig, probiert es einmal – einfach zu kochen mit erstaunlichem Aha-Effekt. Heutzutage liest und hört man von „Foodpairing“ als neuem und progressivem Koch-Stil, der ungewöhnliche und zunächst nicht zusammenpassende Komponenten vereint für ein ganz neues Geschmackserlebnis. Mal im Ernst, das hatten unsere Altvorderen schon drauf, bevor Kochen von der Lebenserhaltenden Notwendigkeit zum Ausdruck von „Lifestyle“ und „moderner Aufgeschlossenheit“ wurde.

Demnächst in der hiermit neu begründeten Reihe „Wie von Oma„: Roter Heringssalat mit Pellkartoffeln. Natürlich mit Apfel drin, siehe oben: „Foodpairing“. Versprochen!

(hier klicken um zum Ende zu springen…)


English version:

Schlesisches Himmelreich

About Eastern Prussia, Silesia and mineworkers in the „Pott“

Maybe such a hearty and outmoded dish seems to be a strange choice. Especially compared to that Asian kitchen I use to post here a lot. But it’s a childhood memory to me, and somehow a messenger of an allegedly „better time“ of being an innocent and irresponsible child. We often connect these kinds of memories to our childhood in a way of thinking back to that carefreeness we used to undergo… if we had a good childhood. I am happy that I could answer, once asked for my childhood, that it was like „a big portion of sweet green wobbly jelly with a lot whipped cream on top“.

My connection to „Silesian heaven“ is about the origins of my grandparents. On mother’s side, it was Silesia in there, and on father’s side Eastern Prussia. All my grandparents still where born in the „Kaiserreich“, the German Emperor Wilhelm II was still to rule the country. My Fathers parents were both born some time before 1900 even. In both regions of their origins there were a lot of these kinds of hearty specialties. The kitchen was simple and robust but good tasting and satisfying. We are talking about late 19th century and the time before World war one, until around 1914.

FamilyCollageTwelve years before WW1 my Grandfather Herrmann came to the Ruhr-area to find work in the coal mines. One year later he was able to have his fiancée Charlotte coming to their wedding, which took place in 1903 in Ortelsburg. After that they lived in Gelsenkirchen. Funny remark: Both where named „Pokorra“ as family name by birth, but not related in any way. The mother of my Grandfather was working as a maiden on the farm of my Grandmothers father, and had never married. Despite of this taint in origin of Hermann, these two got permission from Grand-Grandfather Adam Pokorra to marry. For those times, this was almost worth a novel, or like we would say today, seems like being worth a soap-opera.

Quite similar it was for Grandpa Willi, who also came to work in the coal mines. In the melting pot of the Ruhr area a lot of landsman ships met and a very own breed of people was created, in which Prussian virtues got combined with Westphalian stubbornness, but also a lot of warm-heartedness and deep comradeship in between coal miners. Both my Grandfathers, and also my father, did spend their whole working life of each 45 years down in the mine. „Glückauf!“ (which literally means, good luck to get up to the surface again…)

schlaegeleisen


 

The „Silesian heaven“ – hearty and sweet, tasty and good

In its origin, this is a classic winter dish, because you can store all the ingredients well. All things you need can be stored even without modern time’s fridges and deep freezers. Potatoes can be stored in a stack, whole meal is easy to hold, dried fruits are easy to keep, and the bacon came from own pigs, slaughtered at home.

Schlesisches Himmelreich Zutaten

For this dish we need (and today it is easy to pick it from the stores, contrary to having a big garden behind your little coal miners quarters house, with one or two pigs, 4-5 chicken and some small fruit-bearing trees…):

  • Smoked bacon
  • Floury Potatoes
  • Dried fruits (preferable plums, apples and pears, apricots are only today’s contemporary luxury variant)
  • Some white flour (Type 550)
  • One egg
  • About 50 grams of butter

First the potatoes are boiled. Peeled off and cooled, they are mashed with a potatoes masher, to get nice and fluffy dough. One egg and two table spoons of flour make it complete. Other regions have different ways of preparing a „Kartoffelkloß“, but it is not that important, unless you use „raw“ ones or „halb&halb“ (cooked and raw potatoe) which does not fit so well with this dish. Form equally sized dumplings and let them simmer in hot, but not boiling water, until they come up to the surface. Use a big pot with enough water to have them floating free. I am very proud that I got them so fluffy like Grandma Frieda did.

SchlHimmelMosaic3

The dried fruits go into a pot with water; the bacon is added, cut in about 1 cm thick slices. Let this cook for 20 to 30 minutes until the bacon and the fruits are nicely soft. Meanwhile, prepare white roux from the butter and flour, and thicken the sauce with it after taking the bacon from the pot. Serve it with a lot of the sauce. I really enjoyed this lot, and I will not wait to have it again for years and years again 😉

Schlesisches Himmelreich

Be brave and try it – it’s worth a try. Today you sometimes read about „Foodpairing“, the combination of unexpected ingredients which seem not to fit together first, to create new culinary experiences. I tell you, our ancestors have been able to create things like this when cooking still was a necessity for life rather than a lifestyle expression of being „broad-minded“.

Soon to come in this newly created series „As Grandma did„: Red salad of Herring with apple and steamed potatoes (foodpairing, you know…). Promised!

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